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REVIEW: SHIFTING AESTHETICS

vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Für die Ausstellung SHIFTING AESTHETICS in der BDA Hamburg Galerie entstand ein Kunstwerk aus dem Raum heraus. Die vorhandene Architektur lieferte nicht nur die räumliche Umgebung für die Arbeiten. Sie wurde selbst zum Ausgangsmaterial.


Der Titel SHIFTING AESTHETICS beschreibt dabei eine Verschiebung der ästhetischen Wahrnehmung. Einerseits verändert die künstlerische Intervention einen bestehenden Raum. Andererseits verändert sich der Blick auf das, was bereits da ist. Mich interessiert diese Wechselwirkung besonders dort, wo Architektur nicht nur Kulisse, sondern Ausgangspunkt einer künstlerischen Arbeit wird.



Eine Ausstellung aus einem gewachsenen Kontakt


Mein erster Kontakt zum BDA Hamburg entstand bereits 2023. Der Arbeitskreis Ästhetik hatte damals einen Beitrag zu meiner Ausstellung REALIZE UTOPIA geleistet. Der Kontakt blieb zu einzelnen Personen über die folgenden Jahre bestehen und es entwickelte sich daraus die Möglichkeit eine Ausstellung in der BDA Hamburg Galerie zu zeigen.


Mit Blick auf die Galerie lag eine ortsspezifische Arbeit nahe. Dass der BDA Hamburg diesem Ansatz gegenüber offen war, schuf dafür die entscheidende Voraussetzung. Denn wenn eine Arbeit aus einem konkreten Ort heraus entstehen soll, muss dieser Ort auch tatsächlich Einfluss auf die Gestaltung nehmen dürfen.


BDA Hamburg Galerie


Den Raum lesen


Beim genaueren Blick auf die Galerie fielen mir verschiedene Elemente auf, die den Raum prägen: die große Sitztreppe, die daraus entwickelte Neigung der Brüstung, Wand- und Deckenversprünge sowie deren Inszenierung durch indirekte Beleuchtung. Hinzu kommen die unterschiedlichen räumlichen Bereiche und die große Glasfront zur Straße.


Besonders die Sitztreppe wurde zum Ausgangspunkt meiner Intervention.


Ich habe den Winkel der Brüstung vermessen und als Linie auf die Wand übertragen. Diese Linie habe ich gespiegelt und anschließend mehrfach parallel verschoben. Der Abstand zwischen den Linien beträgt 62,5 Zentimeter – ein gängiges Konstruktionsmaß, wie es beispielsweise im Fassadenbau vorkommt.


Aus diesem zunächst sehr konkreten Bezug entstand ein geometrisches Raster. Die Linien erzeugten Rhombusformen. An ihren Schnittpunkten kamen horizontale und vertikale Linien hinzu. Damit war eine Struktur entwickelt, die sich anschließend durch den gesamten Raum bewegen konnte.



Ein Raster verbindet den Raum


Das Raster blieb nicht auf die Wand beschränkt. Es wurde zur Grundlage für die weitere Gestaltung der Galerie.


Auf der gegenüberliegenden Wand tauchte es erneut auf. Die Glasfront erhielt teilweise farbige Folierungen, während andere Bereiche transparent blieben. Dadurch entstanden Bezüge zwischen Innen- und Außenraum. Auch die Sitztreppe wurde Teil der Komposition.


Mir war dabei wichtig, den Raum nicht vollständig zu überformen. Gerade die verbleibenden transparenten Bereiche der Glasfront spielen eine wichtige Rolle. Sie lassen den Blick nach draußen zu und verbinden die Intervention mit dem Stadtraum.


Ob Besucherinnen und Besucher die zugrunde liegende Konstruktion des Rasters erkennen, bleibt ihnen überlassen. Ich habe daraus kein verborgenes System gemacht. Die Arbeit funktioniert auch dann, wenn diese Bezüge nicht bewusst entschlüsselt werden.


Interessant ist vielmehr, dass die einzelnen Elemente zusammen eine räumliche Wirkung erzeugen. Mehrfach wurde mir während der Ausstellung gesagt, dass die Arbeiten sehr selbstverständlich mit dem Raum verbunden wirkten. Auch auf Fotografien schien diese Verbindung zu funktionieren, selbst wenn man den ursprünglichen Raum nicht kannte.


BDA Hamburg Galerie Shifting Aesthetics Michael Hennings


Ästhetische Qualität beginnt mit Aufmerksamkeit


Der Begriff der Qualität des Bestehenden spielt für meine Arbeit eine zentrale Rolle. Dabei meine ich nicht ausschließlich offensichtliche Schönheit.


Ein Gebäude kann zunächst unansehnlich wirken. Erst bei genauerer Betrachtung zeigen sich manchmal Proportionen, Rhythmen, konstruktive Entscheidungen oder Materialkombinationen, die eine eigene gestalterische Qualität besitzen. Sobald ich solche Strukturen erkenne, verändert sich mein Verhältnis zu dem Ort.


Ich beginne, die Gedanken nachzuvollziehen, die seiner Entstehung zugrunde lagen. Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Wert von Bestand: Er muss nicht perfekt sein, um interessant zu sein.


Die BDA Hamburg Galerie stellte insofern einen besonderen Fall dar. Hier musste ich gestalterische Qualitäten nicht erst freilegen. Die räumliche Qualität war offensichtlich vorhanden. Meine Aufgabe bestand deshalb weniger darin, etwas Verdecktes sichtbar zu machen, sondern darin, vorhandene Prinzipien aufzunehmen und weiterzuführen.



Wenn Material zur Gestaltung wird


Diese Haltung beschränkt sich allerdings nicht auf die räumliche Struktur.


Auch bei den Materialien habe ich versucht, vorhandene Ressourcen weiterzuverwenden. Für die farbliche Gestaltung kamen unter anderem Farbreste zum Einsatz. Neue Farben ergänzten sie dort, wo es für die gewünschte Komposition notwendig war.


Die Sitzstufen erhielten Flächen aus einem ehemaligen Bodenbelag. Das Material wurde neu beschichtet, für den Ort zugeschnitten und anschließend wieder eingesetzt. Auch die ausgestellten Wand- und Raumobjekte entwickelten sich aus Materialien, die bereits vorhanden waren.


Das beeinflusst die Gestaltung unmittelbar. Wenn nur eine begrenzte Menge eines Materials zur Verfügung steht, verändert das zwangsläufig die möglichen Dimensionen und Proportionen. Freiflächen werden plötzlich zu einem gestalterischen Werkzeug. Manchmal muss neues Material ergänzen, manchmal bestimmt gerade die Begrenzung die Form.


Die Materialwahl ist damit keine nachträgliche ökologische Entscheidung. Sie wird Teil des Entwurfs.


BDA Hamburg Galerie Vorbereitungen für Shifting Aesthetics Michael Hennings


Nachhaltigkeit verändert auch die Ästhetik


Genau hier beginnt für mich die eigentliche Verbindung zwischen SHIFTING AESTHETICS und meiner Auseinandersetzung mit nachhaltigem Bauen.


Nachhaltigkeit wird häufig als technisches oder ökologisches Thema diskutiert. Mich interessiert dagegen die Frage, was passiert, wenn sich diese Haltung tatsächlich auf die Gestaltung auswirkt.


Was sieht an einem Gebäude anders aus, wenn Materialien wiederverwendet werden? Welche Formen entstehen, wenn Bauteile lösbar miteinander verbunden werden? Welche Ästhetik entwickelt sich, wenn nicht unbegrenzt neues Material zur Verfügung steht?


Für mich liegt darin kein Verlust an gestalterischer Freiheit. Im Gegenteil. Einschränkungen können neue Entscheidungen provozieren. Sie können dazu führen, dass man genauer hinsieht, vorhandene Strukturen ernst nimmt und Gestaltung nicht von einem idealisierten Ausgangszustand her denkt.


In diesem Sinne verstehe ich SHIFTING AESTHETICS nicht nur als Veränderung eines Raumes. Die Ausstellung war auch ein Versuch, die Frage nach der ästhetischen Konsequenz eines anderen Umgangs mit Architektur und Ressourcen zu stellen.



Weiterdenken statt Ersetzen


Am Ende hat mich die Ausstellung vor allem darin bestärkt, die Verbindung zwischen Kunst und Architektur weiterzuverfolgen.


Die Gespräche mit Besucherinnen und Besuchern kreisten häufig um die konkrete Umsetzung: Wie viel Arbeit steckt in einer solchen Intervention? Wie entstehen die Formen? Und könnte eine solche Arbeitsweise auch direkt in einem Gebäude eingesetzt werden?


Gerade diese Fragen finde ich interessant. Denn für mich liegt die Stärke einer künstlerischen Arbeit nicht darin, möglichst unabhängig von ihrer Umgebung zu funktionieren. Sie kann vielmehr einen Ort genauer erfahrbar machen und gleichzeitig etwas Eigenständiges hinzufügen.


SHIFTING AESTHETICS war deshalb keine Dekoration eines bestehenden Raumes. Die Arbeit entstand aus seiner Struktur, seinen Materialien und seinen räumlichen Beziehungen. Ohne diesen konkreten Ort hätte es sie in dieser Form nicht gegeben.


Vielleicht liegt genau darin ein zeitgemäßer Begriff von Transformation: Nicht zuerst fragen, was ersetzt werden kann, sondern was bereits vorhanden ist und welches Potenzial darin steckt.



Wenn dich die Verbindung von Kunst, Architektur und der Ästhetik des Bestehenden interessiert, folge mir auf Instagram und Linked In oder besuche mich im Atelier. Dort lässt sich die Arbeit am besten im direkten Austausch weiterdenken.











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