ÄSTHETIK VON NACHHALTIGER ARCHITEKTUR - 2. ANNÄHERUNG
- offbeat1studio
- 22. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Im vorigen Blogbeitrag habe ich mich mit der grundsätzlichen Frage beschäftigt, ob nachhaltiges Bauen die ästhetische Wahrnehmung von Architektur verändert.
Nach weiterer Auseinandersetzung mit philosophischen und architekturtheoretischen Texten sehe ich mich in einem Punkt bestätigt: Architektur kann als Kunst betrachtet werden, wenn ihre Ästhetik die Bedeutungsebene eines Gebäudes verändert. Nachhaltigkeit bringt eine neue Dimension in diesen Diskurs.
TRANSFORMATION STATT DEKORATION
Die Diskussion um die Ästhetik von Architektur hat sich lange auf Form, Material und Proportion konzentriert. Nachhaltige Maßnahmen wie energetische Sanierungen oder die Wiederverwendung von Materialien gehen über diese klassischen Kategorien hinaus, sie verändern nicht nur das äußere Erscheinungsbild eines Gebäudes, sondern auch dessen Bedeutung.
Ein Beispiel:
• Eine Solaranlage auf dem Dach ist zunächst eine technische Notwendigkeit. Wenn sie aber bewusst in die Gestaltung integriert wird, kann sie eine neue gestalterische Qualität erzeugen.
• Eine energetische Sanierung eines Gebäudes aus den 1960er Jahren kann ihm eine ästhetische Aufwertung verleihen aber sie kann genauso gut historische Materialitäten zerstören, wenn etwa eine Rotklinkerfassade unter einem Wärmedämmverbundsystem (WDVS) verschwindet.
Nicht jede Sanierung führt zu einer positiven ästhetischen Transformation. Doch was passiert, wenn ein Gebäude vor der Entscheidung Abriss oder Sanierung steht?

DER WANDEL DER WAHRNEHMUNG VON BESTAND
Sobald ein Gebäude infrage gestellt wird – also potenziell abgerissen oder grundlegend erneuert werden könnte – gewinnt es plötzlich an ästhetischer Bedeutung. Was vorher als belanglos oder veraltet galt, wird nun als erhaltenswert diskutiert.
Warum ist das so?
• Liegt es daran, dass sich Menschen durch die Sanierungsdebatte intensiver mit einem Gebäude auseinandersetzen?
• Oder ist es die Erkenntnis, dass der Erhalt von Bestand einen wichtigen Beitrag zum klimagerechten Bauen leistet?
Diese Verschiebung in der Wahrnehmung führt dazu, dass selbst alltägliche Architektur aus den 1960er und 1970er Jahren, also Gebäude die oft als unattraktiv galten, heute neu bewertet werden. Ein altes verschnörkeltes Geländer wurde schon immer als schön empfunden, aber ein typisches Wohnhaus aus den 70ern? Die Wertschätzung für Bestand verändert sich, und mit ihr die Definition dessen, was als ästhetisch gilt.

EINE NEUE DEFINITION VON ÄSTHETIK?
Die klassischen Theorien zur Ästhetik der Architektur, von Vitruv bis zur Moderne, beschäftigen sich kaum mit dem, was wir heute erleben: Eine Architektur, die durch ihre Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnt.
• Ist ein Gebäude schöner, weil es erhalten bleibt und nicht abgerissen wird?
• Kann eine Fassade eine gestalterische Qualität erhalten, nur weil wir wissen, dass sie durch eine nachhaltige Sanierung gerettet wurde?
• Bedeutet nachhaltiges Bauen nicht nur eine funktionale, sondern auch eine ästhetische Transformation?
Diese Fragen führen mich zu einer Erkenntnis, die ich in den klassischen Theorien nicht gefunden habe: Wir brauchen eine neue Definition von Ästhetik.
Nachhaltige Architektur ist mehr als Technik, sie verändert, wie wir Städte wahrnehmen, wie wir mit Raum umgehen und wie wir Schönheit definieren. Wenn Architektur durch Nachhaltigkeit eine tiefere Bedeutungsebene erhält, dann kann das nur zu ihrem Vorteil sein.




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